Burkina Faso
Wolfgangs ReisetagebuchRadreise im Land der ehrbaren Männer
24. 12. 2003 - 12. 1. 2004
Was sind die größten Gefahren in Afrika? Friseure gehören jedenfalls auf die vorderen Plätze. Man braucht mich ja nur anzusehen, wie ich in Bobo Dioulasso, Burkinas zweitgrößter Stadt, den Coiffeur verließ. Aber vielleicht hätte ich vorher besser Französisch lernen sollen, so wurde es halt eine Art Schafschnitt.
Unangefochten den ersten Platz auf der Gefahrenskala nehmen in Burkina Faso aber Verkehrspolizisten ein: Sie postieren sich gerne etwas versteckt an Kreuzungen und überwachen den korrekten Stillstand speziell von Radfahrern vor Ampeln und Stoppschildern. Einmal mussten wir sogar zahlen, da wir erst 2 m hinter einem Stoppschild gehalten hatten, obwohl die Querstraße davor gar nicht einsehbar war. Dagegen verblasst selbst eine preußische Pickelhaube!Aber jetzt der Reihe nach, denn diese Radreise in Burkina Faso war, abgesehen von kleinkarierten Dorfpolizisten, abwechslungsreich, aber ungefährlich.
24. 12. 2003
Beim Einchecken in Berlin entdeckte ich unseren Reiseleiter Michael vor mir, der seine langjährige Erfahrung als Entwicklungshelfer für Fahrraddreisen in Afrika einbringt. Kurzentschlossen schob ich mein verpacktes Fahrrad gleich mit durch. In Paris fand sich unsere zehnköpfige Reisegruppe zusammen. Kurz vor Mitternacht landete der Airbus in Ouagadougou. Alle Moskitos der Hauptstadt stürzten sich auf die neuen Opfer aus Europa, als wir die Impf- und Passkontrollen durchliefen und später schwitzend alle Gepäckstücke einschließlich einer einzelnen Luftpumpe vom Transportband fischten und die Fahrräder zusammenschraubten.
25.12.2003
Zur Geisterstunde fuhren wir zu einer Pension, wo wir die Fahrradverpackungen bis zur Abreise lagern konnten. Die Dusche funktionierte, aber die defekte Beleuchtung war ein kleines Handicap. Bevor wir unter die Moskitonetze krochen, begossen wir unseren geglückten Reisebeginn in einer der spärlich beleuchteten Bars neben der belebten Nationalstraße mit einem kühlen Flag oder Brakina. Die Stadt kam uns fast unbeleuchtet vor. An Schlaf war aber kaum zu denken, da das Schnarchen eines Mitradlers sogar den Verkehrslärm der nahen Hauptstraße übertönte.
Nach dem Frühstück mit Nescafé, Baguette und Mango-Konfitüre im netten Garten brachen wir vom Busbahnhof nach Bobo-Dioulasso auf, verteilt auf zwei Busse. Ich fuhr im ersten, klimatisierten Bus mit. Dieser bretterte mit hoher Geschwindigkeit über die gut ausgebaute Straße, nur unterbrochen von Stopps an einigen Mautstellen und einer Pause in Boromo. Immerhin hupte der Fahrer die Kinder, Hühner und Ziegen in den wenigen Dörfern von der Straße. Der um Ouaga sehr schüttereweitgehend abgeholzte Baumbestand wurde dichter und tropischer, große Ronierpalmen tauchten auf, die Landschaft wurde hügelig. Nach vier Stunden schaukelten wir auf den Busbahnhof in Bobo-Dioulasso und schraubten erneut die Fahrräder zusammen. Der andere Bus war wegen eines Schadens an der Kupplung erst später in die Gänge gekommen. Über breite Alleen erreichten wir die quirlige Innenstadt und unser nettes Hotel l'Entente inmitten von brutzelnden Garküchen, Restaurants und Läden.
Michael hatte ein Abendessen organisiert und ein ganzes Konzert mit "Etoile Maheda" oder auch "Etoille de Maedah", einer semiprofessionellen Musikgruppe, die eine Bombenstimmung verbreitete. Auch die Nachbarschaft war in den Garten gekommen und tanzte im Takt von Kora, Balafon, Djembe, "talking drum" und anderen Schlaginstrumenten.
26.12.2003
Erst nach dem Geldwechsel starteten wir gegen 11 Uhr nach Borodougou, 2 km über eine Piste, die von der Hauptstraße abzweigt. Frauen holten schwere Wasserbottiche auf dem Kopf vom gedeckten Brunnen. Nackte Kinder spielten unter Bastmatten zwischen den Lehmhütten. Wir kletterten mit einem Führer in die nahen Felsformationen (Falaise), die in früheren Jahren als Unterschlupf dienten. Einige in schwer zugänglichen Höhlen versteckte Lehmspeicher erinnern noch an die kriegerischen Zeiten. Zurück im Dorf, wurden wir noch mit Hirsebier (Dolo) bewirtet, das in einer halbierten, ausgehöhlten Kalebasse herumgereicht wurde. Am Nachmittag besuchten wir das touristisch erschlossene Bergdorf Koro, malerisch an eine Felswand geklebt. Da die Bauern das Dorf zur Feldarbeit verlassen hatten, konnten wir nur zwei Schmieden bei der Arbeit zusehen. Es soll zwar auch Händler geben, doch nur eine Frau verkaufte unter einem Baum sitzend Erdnüsse und kleine Snacks.
Abendessen im togolesischen Restaurant gegenüber.27.12.2003
Nach dem Frühstück brachen wir auf, um über sich immer wieder verzweigende Pisten die Falaises von Dafra zu erkunden. An einer besonders holprigen Stelle fiel eine der beiden mitgenommenen Melonen vom Gepäckträger und wurde notgeschlachtet. Die zerklüftete Felsenlandschaft umschließt in mehreren Ketten eine geheimnisvolle Senke, die den Animisten heilig ist. Die Farbe rot ist dort tabu, daher darf keine rote Kleidung getragen werden, worauf unser Führer achtete. Am Grund der bewaldeten Senke befinden sich zwei Teiche; am höher gelegenen finden Tieropfer statt, um die Geister um Glück und Gesundheit für sich oder die Familie zu bitten. Die Opferstätte in einer Felsnische darf nur barfuß betreten werden, wobei man durch eine Schicht von Hühnerfeder watet, vorbei an etlichen aufgespannten Ziegen- und Schafsfellen. Die Felle können von den Gläubigen durch eine Geldgabe ausgelöst werden. Auf jeden Fall beachten sie das Gebot, nach der Erfüllung ihrer Wünsche ein weiteres, größeres Opfer zu bringen, da sonst Unheil droht. Im tiefer gelegenen, heiligen Teich schwimmen einen Meter lange Welse, die unser Führer mit Hühnergedärmen fütterte.
Am Nachmittag unternahmen wir zu Fuss mit einem Führer eine Besichtigung der nahen Altstadt von Bobo-Dioulasso. Die Große Moschee imponiert durch ihre gedrungene Lehmbauarchitektur im sudanesischen Stil. Alle zwei Jahre werden die Regenschäden ausgebessert. Wir umkreisten sie und gingen durch die engen, verschlungenen Gassen der Altstadt. Dioula hatten sie im 15. Jahrhundert gegründet. Plastikreste liegen in den engen Gassen, die Viertel Kibidoue und Sya machen oberflächlich einen ärmlichen Eindruck, was durch das schmutzige Rinnsal des Marigot Wé noch verstärkt wird, in dem Frauen Wäsche waschen, während sich daneben Schweine wälzen. Angeblich lebt auch ein Krokodil darin. Die Häuser sind in der traditionellen Lehmbauweise errichtet, meist ein- oder zweistöckig. Doch sind viele Häuser elektrifiziert, an einigen Ecken gibt es geschlossene Brunnen. Latrinen sind vorhanden. Daneben flattert Wäsche auf der Leine, und Frauen kochen auf dem Holzkohlenherd das Abendessen.
Im nächsten Viertel leben nur Töpfer, vor den Häusern mit den Brennöfen entlang der Av. Sidiki Sanon stapelt sich das vielfältige Warenangebot: Krüge, Teller, Becher, Schalen in Braun- und Blautönen.
Abends aßen wir afrikanisch, mit frittierten Bananen als Nachspeise und einem kräftigen Espresso.28.12.2003
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Wir brachen früh auf, da wir die erste längere Strecke mit Gepäck zurückzulegen hatten. An der nur schwach frequentierten Asphaltstraße Richtung Mali liegt das Dorf Koumi. Der Eintritt von 1000 CFA berechtigt allerdings nicht zum Fotografieren. Frauen lassen sich sowieso ungern fotografieren; das sollte man unbedingt beachten!
Das Dorf ist durchaus typisch und sehenswert: Die Lehmbauten haben meist zwei Geschosse, dabei ist das obere durch einen eingekerbten Baumstamm im Inneren zugänglich, für uns Ungeübte eine echte Herausforderung. Das obere Geschoss ist schmaler und bietet Platz für eine offene Arbeitsfläche. Die runden Lehmbauten werden in sechs oder sieben ringförmigen Schichten gebaut, die jeweils drei Tage trocknen, darauf wird die strohgedeckte Dachkonstruktion gesetzt. Die größeren eckigen Häuser werden häufig mit vorgefertigten Lehmquadern gebaut, eine Arbeit, die Männer ausführen. Wir besichtigten die Viertel der Bauern, Schmiede, Korbflechter und Griots. Wir begrüßten den betagten Bruder des Dorfchefs und den Vater unseres Führers, der im Schatten rauchte. Die Frauen des Dorfes dagegen wuschen Wäsche und kochten, etliche trugen dabei ihr jüngstes Baby im Tragetuch auf dem Rücken. Andere warteten geduldig in einer Schlange, um neben dem großen Wassertank an der blitzsauberen Pumpe, die offenbar Papst Pius II. gesponsert hat, Wasser zu holen. Trotz der christlichen Einflussnahme haben die Dorfbewohner an mehreren Stellen Fetische errichtet, heilige Gegenstände auf Holzgestellen, die vor bösen Geistern schützen sollen. Eines schützt speziell die bereits feierlich in die Dorfgemeinschaft aufgenommenen Jugendlichen, ein anderes die noch nicht Initiierten.
Wir kauften an den Marktständen im Straßendorf Badarra Früchte, Getränke, Joghurt und kleine Gerichte. In der Mittagshitze legten wir eine Pause unter schattigen Bäumen am nahen Fluss ein; im Ufergebüsch lauerten Reiher auf Beute. Eine Schar Kinder beobachtete uns aus sicherer Entfernung.
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Unsere Radlergruppe zerfiel bei der Weiterfahrt in kleinste Einheiten, denn es gab kleine Steigungen und nette Motive zu fotografieren: Kleine Dörfer und Gehöfte mit runden Getreidespeichern, Baumwollarbeiter beim Verladen, markante Baumgruppen, hügelige Landschaft. Schließlich trafen sich im letzten Tageslicht alle an der Garten-Bar eines netten Hotels am Ortseingang von Orodara wieder.
In der abendlichen Dunkelheit tappten wir ins übersichtliche Zentrum. Das Abendessen im einzigen geöffneten Restaurant war überraschend gut, sogar einige Biere wurden geholt.29.12.2003
Auf einer roten Laterit-Piste radelten wir an grünen und gelben Feldern entlang. Cashew-Plantagen, Orangen, Akazien säumen den Weg, der sich mehrfach verzweigt. An den Abzweigungen und Gehöften fragten wir Bauern nach dem Weg. Die kleinen Dörfer haben grazile Getreidespeicher in ihre Umfriedung eingegliedert.
In Moussodougou, dem angeblich schönsten Ort der Umgebung mit fast 6000 Einwohnern, herrschte Betriebsamkeit, denn es war Markttag. Die Verkäuferinnen boten Alles an, was in der Umgebung angebaut und bearbeitet wird. Männer verkauften Tiere, Stoffe, Ersatzteile oder Arzneimittel. Wir probierten Fisch, Reis mit Erdnusssoße, Teigbällchen, gebackene Bananen oder Huhn. Der Restaurantbesitzer suchte vergeblich nach Löffeln, also aßen wir "afrikanisch". Getränke gab es im Dorfladen.
Dann fuhren wir einige Kilometer weiter zum Stausee. Ich konnte dem glitzernden Nass nicht widerstehen und hüpfte trotz der Bilharziosegefahr an einer steinigen Stelle in die Fluten (Bilharziose tritt in stehenden, warmen Gewässern auf und benötigt als Zwischenwirt Schnecken, die sich bevorzugt auf Wasserpflanzen aufhalten). Natürlich hatte ich weder Badehose noch Handtuch mitgenommen, also musste mein Radler-Shirt zum Abtrocknen herhalten - Sonnencreme, Staub und Schweiß gingen nun eine hatnäckige Symbiose ein.
Zurück ging es wieder durch Moussodougou. Manuela hatte bereits knapp hundert Kinder um sich geschart, die nach anfänglichem Zögern mit Begeisterung alles nachahmten, was sie vormachte oder (er-)zählte. "Un, deux, trois – one, two, three – eins, zwei, drei – uno, dos, tres" schallte es im Chor durch das ganze Dorf, bis wir schließlich mit großem Gefolge wieder auf die Räder stiegen.
Abendessen im Hotel mit Fisch, Reis und Kohlgemüse und als Abschluss einen Pastis.30.12.2003
Wir packten unsere Taschen auf die Fahrräder und fuhren Richtung Mali, bogen aber bald auf eine gut befahrbare Piste in Richtung des Tena Kourou ab, des höchsten Berges in Burkina Faso. Wir ließen die Erhebung rechts liegen und radelten durch eine hügelige Bilderbuch-Landschaft, häufig im Schatten großer Bäume, vorbei an Feldern, Wiesen und wenigen Dörfern. Nach 40 km hielten wir zur Orientierung an einer T-Kreuzung. An einer Bar gegenüber versuchten wir einen Kaffe oder Tee zu bekommen. Schließlich bot uns einer der Männer ein Glas mit einem klaren Getränk an – zu unserer Überraschung ein milder Rum mit einem scharfen Nachgeschmack, der aus Zuckerrohr bei Banfora destilliert wird.
Hinter Kankalaba, wo die meisten Radler eine Mittagspause einlegten, wird es immer grüner und gebirgiger. Schwarz-blaue Vögel mit langem Schwanz und Säbelschnäbler hüpften durch das Geäst und die beeindruckenden Felstrümmer, Weihen kreisten über den offenen Feldern. Den ganzen Tag begegneten uns nur wenige Autos, stellenweise war die Piste für Pkw nicht mehr befahrbar. Am Schlechtesten hatte es einen Lastwagen getroffen, der mit seiner Ladung Baumwolle in den Straßengraben gerutscht war.
Vor Sindou trafen wir in einer Schule zwei Lehrer an und erfuhren, dass dort sogar Deutsch unterrichtet wird. Immerhin ist Sindou eine Provinzhauptstadt mit 8000 Einwohnern, die weit verstreut in einstöckigen Hütten siedeln. Strom findet man genauso wenig wie fließend Wasser. Ein paar Läden, drei Telefone, eine Polizeistation, eine grün-weiße Moschee sowie zwei solar gespeiste Straßenleuchten bilden die Infrastruktur - allerdings funktionierte nur eine davon. Doch die Situation wird sich ändern: Seit 2005 wird an der Elektrifizierung der Provinz Lerabá gearbeitet.
Wir fanden eine einfache, aber geräumige Unterkunft mit Matten und Matratzen auf dem Boden im großen Haus der Familie Outtara, davor eine fensterlose Küchen-Rundhütte und – einige Meter entfernt – ein sauberes Plumpsklo und einen Waschraum, in den die Frau des Hauses Eimer mit warmen Wasser schleppte. Einigen Mitradlerinnen war das aber zu einfach, sie quartierten sich in der kürzlich eröffneten Auberge ein.
Zum Abendessen trafen wir uns vor dem Haus und aßen mit unserem Gastgeber beim Schein einer Petroleumlampe Reis mit Fleisch und Soße, den seine Frau zubereitet hatte.
31.12.2003
Etwa 8 km kämpften wir uns auf der sandigen Piste zum Marché in Golona durch; Michael und Lisa nahmen dabei auch noch zwei Mädchen auf dem Gepäckträger mit. Auf dem großen Markt war ein großer Andrang, jeder Stand war belegt. Frauen in bunten Wickeltüchern boten Früchte, Gemüse und Ingwer, Kariténüsse und Fische feil, einige Männer warteten auf Käufer für ihre Hühner und Ziegen oder priesen Naturheilmittel und Rinderhälften an. Um einen Händler mit Latschen, Transistorradios und Elektronikramsch versammelte sich eine neugierige Menge. Neben einer kleinen Apotheke mit einigen Generika und Pulvertöpfen fand eine Impfaktion statt, ein Plakat warb für Aufklärung der Jugendlichen. Eine Foniomühle tuckerte rythmisch und stieß eine Dieselfahne aus. Ich ließ den Trubel, die Gerüche, die sinnlichen Eindrücke auf mich wirken - hier war Afrika in all seinen Facetten.
Nachmittags wanderten wir zu den nahen Pics de Sindou, eine verwitterte Kalksteinformation, die sich nach Norden bis zum Bandiagara-Gebirge in Mali fortsetzt. In der Abendsonne bildeten die Felsnadeln, Kuppen und Überhänge eine bizarre Welt mit grandiosen Ausblicken auf Sindou und tiefer gelegene Felsengruppen. Einzelne Fetische deuten darauf hin, dass dieser Ort den Animisten heilig ist. Reste von Hütten gehören zu einer Filmkulisse.
Zur Feier des Tages hatte unsere Gastgeberin Fonio zubereitet, dazu gab es Fisch mit Gemüse und einen Salat, den wir auf dem Markt zusammengekauft hatten. Bei Kerzenschein kreisten Gläser mit auf dem Markt gekauften Rum, unsere moslemischen Gastgeber tranken davon nicht. Sie reicherten die Gesprächsrunde mit Kaffee und einer Teezeremonie an, bis es auf Mitternacht zuging.
Brot statt Böller? In Sindou jedenfalls gab in der Silvesternacht mehr Böller als Brot. Die Globalisierung macht vor Afrika nicht Halt. Etliche Raketen schossen in die sternenklare Nacht, jemand ballerte mit einer Schreckschusspistole und in der Dorfdisko tanzten wir zu afrikanischen Hits aus der generatorbetriebenen Anlage. Bier und Fanta floss in Strömen, Coca-Cola war allerdings schon kurz nach unserem Einfall in die kleine Stadt ausgegangen.
1.1.2004
Nach kurzem Neujahrsschlaf war bereits um 7 Uhr Frühstück angesagt, wobei meine mitgebrachte Marmelade die verschlafenen Gesichter der nächtlichen Tänzer aufhellte. Die gut befahrbare Piste Richtung Westen wird majestätisch von großen Mahagonibäumen überspannt, die mindestens seit der Kolonialzeit die Allee säumen. Wir durchfuhren kleine Dörfer. In einem stampften Frauen in einem großen Mörser Hirse. Zur allgemeinen Erheiterung des flugs versammelten Dorfes half Michael ein paar Schläge mit. Zum Tagesausflug war zwar fast die ganze Gruppe aufgebrochen, doch nach der Pause im 25 km entfernten Loumana fuhr ich nur mit Rosie, Michael und unserem ortskundigen Führer weiter, der uns eine beschwerliche, weil sandige Abkürzung zeigte, die auf den über 700 m hohen Niansogoni, den zweithöchsten Berg Burkinas, zuführt.
Von einer Kirche neben einem (2005 fertig gestellten) Campement starteten wir und andere Touristen mit einem weiteren Führer die Besteigung. Auf halber Höhe wurde die Kraxelei in der Mittagshitze anstrengend – ich bin ja keine Bergziege. Unterhalb der mächtigen Felsenkuppe siedelten bis 1979 aus Angst vor Überfällen bäuerliche Wara (Verwandte der Senoufo) in einfachen Lehmhütten, deren Grundmauern teilweise noch stehen. Die beeindruckendsten Bauwerke sind aber ihre schlanken Speicher-Tonkrüge, die sich dicht an dicht unter einem hohen Felsüberhang drängen oder an der Felswand kleben und noch gut erhalten sind.
Literaturtip für Interessierte: Franz Trost, Die Wara von Niansogoni, Reimer-Verlag, ISBN: 3496027282.Über Baguéra, wo wir eine Kleinigkeit aßen und eine Cola tranken, jagte uns der Führer zunächst den längeren, aber guten Rückweg nach Loumana. Zum Glück verließen ihn bald seine Kräfte - oder war das dem zu tief eingestellten Sattel zu verdanken?
Nach dem Abendessen schilderte unser Gastgeber seine neue Arbeit in einer staatlichen Einrichtung, die die immer noch übliche Infibulation (Beschneidung der Mädchen) bekämpft. Die anschließende Diskussion über Aufklärung, den Einfluss der Religionen und Traditionen, die Rollenverteilung der Geschlechter zeigte, dass in Westafrika ein Diskussionsprozess läuft, der ähnlich wie in Europa zu tiefgreifenden Umgestaltungen führen dürfte, auch wenn die Lebensverhältnisse in Burkina Faso ungleich schwieriger sind.
2.1.2004
Wir verabschiedeten uns herzlich von unseren Gastgebern und waren wieder auf der Piste, fuhren durch Reisfelder und am Markt vorbei. Die breite, stellenweise sandige Piste ist über weite Bereiche durch knorrige Mahagonibäume beschattet. Unterwegs probierte ich an einem Stand wieder eine kleine Kalebasse Dolo, auch Obst gab es zu kaufen.
Schon um 13 Uhr erreichten wir etwas müde das vorgesehene Campement am Lac de Tengrela. Eine Holzplastik bewacht den Eingang. "Papa", der Chef mit Rastalocken, begrüßte uns mit kühlen Getränken unter einem Strohdach in der Mitte der schattigen Anlage, wo Tische und Stühle stehen. Klos und Duschen befinden sich am Rand, die Türen der Verschläge lassen sich nicht schließen. Es war so viel Platz, dass jeder eine fensterlose Rundhütte in Beschlag nahm. Die Einrichtung ist einfach, aber zweckmäßig: Bett mit Moskitonetz. Eine zahme Gazelle spazierte herum, die Schafe und Ziegen des benachbarten Dorfes suchten den Boden nach Essbarem ab, Hühner flatterten umher, in einem Becken dösten Schildkröten, in einem anderen junge Krokodile. Kakerlaken gehörten zu den eher ungeliebten Mitbewohnern.
Vor der Küchenhütte brutzelte die Köchin jeden Abend leckere Gerichte aus Spaghetti, Reis, Fisch und Huhn mit Salat.
3.1.2004
Nachts ging es mir schlecht, die brisante Mischung aus Dolo, Bissap-Saft, Cola und zu viel Sonne zeigte ihre Wirkung. Ich verbrachte den Tag im Schatten dösend auf einer Liege oder in der Hängematte. Am Abend hatte ich wieder Hunger auf Omelett und Spaghetti.
4.1.2004
Nun wollte ich das Programm des gestrigen Tages nachholen. Michael begleitete mich die 10 km durch die bewässerten Felder mit Reis und Gemüse, auf denen Reiher Nahrung suchten, bis zum Parkeingang von Karfiguela. Nach kurzem Weg an Papaya-Bäumen und unter einem dunklen Mahagony-Blätterdach gelangt man an die Felswand der kurzen Falaise, über deren Rand sich ein kleiner Wasserfall in einen Teich mit Seerosen und anderen Wasserpflanzen ergießt. Über zum Teil meterhohe Felsen erklomm ich die Höhe und genoss drei Stunden die tolle Aussicht, das stetige Plätschern des Wasserfalls, badete in seinen Tümpeln und dem natürlichen Whirlpool und schmökerte unter dem grünen Blätterdach in meinem Krimi.
Mittags fuhr ich nach Banfora. Unterwegs umringte mich auf der Piste eine Mädchenbande und verlangte cadeaux – halb aus Spaß, halb im Ernst. Erst mit einem "Scheinangriff" konnte ich mich aus ihren Fängen befreien. Das erste Mal seit einer Woche tauchten am Stadtrand von Banfora wieder Strom- und Telefonmaste auf, Fernseher plärrten aus einigen Häusern; die Rückkehr in die Zivilisation war ernüchternd, denn ich hatte in den Tagen zuvor nichts vermisst. Banfora ist eine weitläufige Stadt, meist mit einstöckigen Häusern bebaut. Außer in Bahnhofsnähe hat man immer den Eindruck, am Stadtrand zu sein, da zwischen den Häusern oft viel Platz ist, Tiere weiden zwischen Schutt und Müll. Tatsächlich gibt es in der Provinzhauptstadt Bildungseinrichtungen und Industrie, hier leben 50000 Einwohner, bunt zusammengewürfelt aus allen Landesteilen, was die Verständigung untereinander in Diola erfordert. Ich kurvte etwas umher, aß in einem Restaurant und traf unsere Gruppe auf dem Markt nahe dem funktionslosen* Bahnhof beim Lebensmittelkauf.
*Der Personenverkehr auf der Abidjan-Niger-Bahn wurde nach dem Abflauen des Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste 2004 wieder aufgenommen.
Kurz vor Sonnenuntergang fuhr ich zum nahen See und ließ mich in einem Boot, das der Bootsjunge vorher noch ausschöpfte, hinausrudern. Einige Fischer angelten in Ufernähe. Acht Flusspferde schnorchelten im flachen Wasser und ließen sich aus 20 m Entfernung ablichten. Gelegentlich riß eines sein Maul auf und ließ die gefährlichen Hauer sehen. Aber alle Bootsfführer respektieren den Sicherheitsabstand, so blieben die Hippos friedlich.
Zurück im Camp, gab Papa und seine Band eine kurze Kostprobe ihres Könnens unter einem offenen Schuppen. Begleitet von akrobatischen Einlagen – auch der polioverkrüppelte Kellner hüpfte auf seinen Händen über den Boden – trommelten und zupften die Musiker rhythmisch auf ihren Instrumenten. Leider hatten sie noch einen anderen Termin und beendeten das Konzert bald wieder.
5.1.2004
Wir packten im Morgengrauen unsere Taschen, dann fuhren wir auf der Piste nach Banfora.
Auf dem Busbahnhof stand gerade ein Buschtaxi zur Abfahrt bereit, mit ihm tuckerten Elisabeth, Kerstin und ich Richtung Bobo-Dioulasso. Die 80 km kosteten jeden weniger Geld als eine Busfahrt in Berlin - inclusive Fahrrad. Allerdings war der Minibus nicht der schnellste; an den Steigungen der hügeligen Strecke, die entlang der karstigen Falaise von Banfora führt, schaltete der Fahrer in den zweiten Gang zurück. Mit den zwei weißen Frauen neben sich wurde er sichtlich gesprächiger. Nach zwei Stunden setzte er uns sogar direkt vor dem wohlbekannten Hotel in Bobo-Dioulasso ab. Dort genossen wir als erstes einen leckeren Espresso und hatten bis zum Eintreffen der ermatteten Radlergruppe gegen 16 Uhr genug Zeit zum Duschen und Wäsche waschen, für kleine Einkäufe, Bummel zum Bahnhof (Foto) und einen Besuch der Post, die eine erstaunliche Vielfalt an Briefmarken bereithält.
6.1.2004
Am frühen Morgen erhaschte ich mit Michael einen Blick auf die skurrile Szenerie vor dem nahen Palast des Mossi-Königs. Jeden Freitag empfängt er die in ihren Luxuskarossen angereisten Fürsten des Stammes, um über Krieg und Frieden zu beraten und begräbt nach einem gewaltigen Kanonenknall das Kriegsbeil wieder, worauf sich die Menge wieder zerstreut.
Mit Michaels Bekannter Monika besuchten wir ein Ausbildungsprojekt (MAIA), das Mädchen von durch Armut oder Krankheit belasteten Familien hilft, die Schule zu beenden und eine handwerkliche Ausbildung bietet. Im nagelneuen Unterrichtsgebäude wartete ein Dutzend mechanischer Singer-Nähmaschinen auf ihren Einsatz, während auf dem Hof 30 Mädchen Deckchen stickten.
Monika lotste uns anschließend zu ihrem Lieblingsprojekt, einer Verkaufs- und Informationsstelle für Solarkocher aus Stahlblechen, mit denen man bei Sonnenschein kochen kann. Und abends bleibt die Küche kalt!? Förderungen gibt es nicht. Die gerade einmal 25 für 100000 CFA verkauften Geräte pro Jahr werden von einer deutschen Kirchengemeinde subventioniert.
Abends speisten wir mit Monika und ihrem Mann im ersten Hotel am Platz im Kolonialstil, dem prächtigen l'Auberge, neben dem Swimmingpool.7.1.2004
Auf in den Wald von Kou! Wir suchten etliche Stände nach Früchten ab, die wir endlich auf dem Großmarkt fanden, fuhren dann entlang dem Flughafen eine staubige Piste nach Westen. Neue Siedlungen erstrecken sich noch weit dahinter. Hinter einer Anhöhe ist dann nur noch Natur und kleine Felder. Hinter dem modernen Wasserwerk durchquerten wir ein ausgetrocknetes Flusstal, dahinter beginnt ein Waldschutzgebiet, das mit EU-Geldern eingezäunt wurde, aber gegen einen Obulus betreten werden kann. Dort entspringt die Quelle La Guinguette. An ihren Ufern wuchert grüne Vegetation, Vogelgeschrei von allen Seiten. So dicht bewaldet kann die Feuchtsavanne sein, wenn sie nicht abgeholzt wird! Wir fanden einen nicht so schlammigen Einstieg über eine Baumwurzel in das warme Wasser und versuchten, gegen die Strömung zu schwimmen oder ließen uns ruhig am Rand treiben – herrlich! Fast hätte ich meinen Krimi geschafft.
8.1.2004
Wir hatten uns mit Monika am Flughafen verabredet. Hier, so erfuhren wir, waren die früheren Bewohner des Geländes meist ohne Entschädigung vertrieben worden, die Anwohner der anderen Straßenseite gleich auch noch. Regierungsbeamte und Minister erhielten das Land, sogar der Staatspräsident baute hier eine Villa.
Monika führte uns einige Kilometer abseits der Straße in das Dorf Logofourousso ihres Mannes. Hier wohnen Bauern, Griots und Schmiede. Wir begrüßten in einem Gehöft ihre Schwiegermutter, ein paar Kilometer weiter den Bruder, der auf seiner Farm einige ökologische Ideen umsetzt. So wird ein größerer Bereich am fast ausgetrockneten Marigot nicht bewirtschaftet, die Hühner finden Schutz zwischen den Rispen der abgeernteten Pflanzen, auf den Beeten wächst ein bunter Mix von Gemüsen. Trotz der Bewässerungsrinnen wirkte der Boden sehr trocken, manche Banane war bereits verdurstet. Auf den niedrigen Hockern vor den verwitterten Lehmhütten des Dorfes bekamen wir eine kleine Mahlzeit, die wir landestypisch mit den Fingern aus den Schüsseln mit Fisch und einer Gemüse-Getreide-Paste löffelten, bevor wir zurückkehrten.
>Nachmittags verluden wir Alles auf einen Bus. Nach einigen unvorhergesehenen Hindernissen kamen wir um Mitternacht in Ouagadougou an. Jetzt schien es uns gleißend hell zu sein, fast verschwenderisch wirkt die regelmäßige Straßenbeleuchtung, die Werbung, Fernseher und Glühlampen in den Häusern! Wir erreichten unser Hotel "la rose de sable" schließlich in einer dunklen, sandigen Seitenstraße. Müde fielen wir nach einem Bier im nahen Restaurant in die Betten.
9.1.2004
Wir besichtigten die Hauptstadt:
Das Mittagessen beim Senegalesen war besonders gut gewürzt.
- Das Denkmal für alle Radfahrer dieser Welt, "gleich ob tot oder lebendig", wie die Inschrift betont.
- Ouaga 2000, ein halbfertiges und schon wieder verfallendes Quartier, das im Rahmen einer Präsentation 2000 errichtet wurde.
- Das Village artisanal, wo Kunsthandwerker in langen Pavillons ihre Erzeugnisse verkaufen: Bilder, Instrumente, Schmuck...
>Am Nachmittag besuchten wir das AF.SE.N-Bildungsprojekt für Frauen. Vor 10 Jahren gegründet, als noch keine abgesteckte Parzelle existierte, wurden die Mitglieder wie viele andere vom Land vertrieben, das nun die Ödnis von "Ouaga 2000" bildet. Ohne Boden, Brennholz nur gegen
Bares, fordert der tägliche Überlebenskampf von den Frauen besondere Mühe. Das Projekt initiierte eine Spargruppe, einen Geldverwaltungskurs und die Alphabetisierung. Eigentlich waren wir zu einer kurzen Diskussion gekommen, aber zunächst trat eine bunt gekleidete Tanzgruppe nebst Trommelensemble auf, nach der Diskussion wurde ein mehrgängiges Menü aufgefahren.
Vor dem Hotel kaufte ich einem Händler eine mit Messing beschlagene Mossi-Maske ab.
10.1.2004
> Vorbei an den Speicherseen und einem First-Class-Hotel verließen wir zu viert die Hauptstadt Richtung Kaja. Am Stadtrand hockten Geier auf Steinen und den Straßenlaternen und warteten geduldig auf Abfälle eines Schlachthofs, der durch Geruch und Schwärme von Vögeln auszumachen ist. Kräftig mussten wir gut 30 km gegen den Wind in die Pedale treten.
Auf der Suche nach der Wahrheit
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In der kleinen Provinzstadt Ziniaré bogen wir auf eine Piste ab, hatten eine kostenpflichtige Begegnung mit sophistischen Verkehrspolizisten (s. o.) und erreichten dann bei Laongo eine Skulpturen-Ausstellung. 1988 begannen etliche Künstler, Granitfelsen in Plastiken und Gravuren zu verwandeln. 2009 fand dort zum 8. Mal ein internationales Bildhauer-Symposium statt. Gegen einen kleinen Obulus ist das Gelände und immer mehr Kunstwerke zu besichtigen.
Obwohl wir unser Kommen schon bei der Hinfahrt angekündigt hatten, war im Restaurant an der Straßenkreuzung in Ziniaré nicht viel zum Essen da. Aber Joghurt mit Honig und Banane schmeckt auch lecker. Zurück ging es dann wie im Flug mit Rückenwind. Michael kaufte in einer Käserei mehrere Stück Ziegenkäse, den wir zur Kühlung auf das Fensterbrett unseres Hotelzimmers legten.
Abends fuhren wir mit einem Taxi in die Innenstadt, speisten gut im libanesischen Restaurant "Sindibad", und guckten uns einen französischen Film im Freilichtkino an. Titel: vergessen, Inhalt: irgendwas zwischen Schimanski und Romanze. Na ja...
11.1.2004
Nach dem Frühstück entdeckten wir mehrere Stück Ziegenkäse auf dem Fensterbrett unseres Hotelzimmers. Wär' ganz lecker gewesen ... beim Frühstück!
Nach dem Packen unternahmen wir noch eine kurze Stadtrundfahrt, drängten uns durch die aufdringlichen Händler im Magazin gegenüber der großen Moschee, kauften die letzten Souvenirs, Hibiskusblüten auf dem Markt und aßen in einer senegalesischen Kantine Huhn mit Reis (schmackhaft und tiefpreisverdächtig). Nachmittags wurde dann doch noch der Ziegenkäse vertilgt.
Das Abschiedsessen nahmen wir in einem netten Gartenrestaurant neben einem Pool ein. Bei der Rückfahrt flickten wir in rekordverdächtiger Zeit den einzigen Platten der Fahrt an Michaels Hinterrad.
Auf dem Flughafen waren zwar die mitgebrachten Kartons per Taxi angekommen, aber etliche unverpackte Räder mussten gegen Gebühr in Folie verpackt werden. So sprangen wir in letzter Minute in den Flieger, der uns nachts über den Balearen und den Alpen kräftig durchschüttelte - Ende einer erlebnisreichen Reise mit Flugzeug (je 5000 km), Bus (820 km) und Fahrrad (725 km).
Letzte Änderung: 31.10.2009